50 Jahre künstlerische Freiheit: Happy Birthday, „Tatort“

Der „Tatort“ feiert sein 50-jähriges Jubiläum – Gründe für eine spektakuläre Erfolgsgeschichte

Am 29. November 1970 beginnt im deutschen Fernsehen eine wahre Erfolgsgeschichte: Der NDR strahlt mit „Taxi nach Leipzig“ die erste „Tatort“-Folge aus. Das Konzept: Die einzelnen Rundfunkanstalten der ARD schicken Ermittler aus ihrer Region ins Rennen um die Gunst der Zuschauer, um möglichst realistische und authentische Fälle zu lösen. Die Rechnung geht auf – schon bald ist der „Tatort“ die beliebteste Krimiserie hierzulande.

Für die nötige Qualität sorgen gute Drehbücher und namhafte Regisseure wie Wolfgang Petersen, Dieter Wedel oder Wolfgang Staudte. Zu besonders populären Kommissaren avancieren unter anderem der analytische Heinz Haferkamp (gespielt von Hansjörg Felmy), die singenden Hamburger Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer) sowie der polternde Horst Schimanski (Götz George) aus Duisburg. Letzterer schafft sogar den Sprung ins Kino und stapft in zwei Filmen über die Leinwand. Heute gelten die sich ewig kabbelnden Münsteraner Frank Thiel (Axel Prahl) und Prof. Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) als unangefochtene Quotenkönige. Dienstälteste Hauptfigur ist Lena Odenthal aus Ludwigshafen, die seit 1989 von Ulrike Folkerts verkörpert wird.

Selbst nach einem halben Jahrhundert hat die Reihe nichts von ihrem Reiz verloren, schalten Millionen Deutsche sonntags um 20.15 Uhr den Fernseher ein. Neben der hochwertigen Machart und der Lust der Fans auf Krimis liegt der ungebrochene Zuspruch sicher darin begründet, dass sich die Macher längst von ursprünglichem, aus heutiger Sicht etwas biederem Schema gelöst haben. Sie gönnen sich deutlich mehr inhaltliche wie künstlerische Freiheiten.

So hielt beispielsweise eine gehörige Portion Witz Einzug in den „Tatort“. Neben den genannten Münsterländern stehen für diesen Aspekt besonders die Hauptkommissare Lessing und Kira Dorn. Die kongenialen Mimen Christian Ulmen und Nora Tschirner lösen in Weimar grotesk-makabre Fälle – nicht ohne sich dabei manch spitzzüngiges Wortgefecht zu liefern.

Schon fast ins Bizarre rutschen hingegen die Fälle von Felix Murot vom LKA Hessen. Der von Ulrich Tukur verkörperte Charakter leidet bei seinen ersten Auftritten unter einem Hirntumor, mit dem er surreale Dialoge austauscht. Einen ganz eigenen Ton hat 2014 die Folge „Im Schmerz geboren“, in denen die Akteure teilweise direkt zum Publikum sprechen. Einflüsse vom Italowestern über François Truffaut bis hin zu Quentin Tarantino verbinden sich zu einem einzigartigen Mix. Der Lohn: zahlreiche Auszeichnungen.

Anderenorts präsentieren Sender durchaus menschlich vielschichtiges Personal. Der saarländische Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) etwa irritiert die Anhänger gleich mit einer ganzen Anzahl schrulliger Spleens und Macken. Das Team aus Dortmund um Peter Faber (Jörg Hartmann) trägt hingegen gleich einen ganzen Rucksack psychischer und persönlicher Probleme mit sich herum.

Überdies lassen sich Verantwortliche gerade in jüngerer Vergangenheit auf filmische Experimente ein. In der 1.000. Ausgabe – wieder „Taxi nach Leipzig“ benannt – läuft fast die gesamte Handlung wie in einem Kammerspiel im titelgebenden Fahrzeug ab. Der Beitrag „Babbeldasch“ mit Lena Odenthal verzichtet seinerseits auf geschriebene Texte, sondern lässt Mitglieder eines Laientheaters fröhlich in Mundart improvisieren. Das ist offensichtlich zu heftig für das Mainstreampublikum – prompt setzt ein veritabler Shitstorm ein.

Auf thematischer Ebene scheut der „Tatort“ keine heißen Eisen. Oftmals drehen sich die 90 Minuten um brisante Sujets wie Kindesmissbrauch, Prostitution oder Rechtsradikalismus, weshalb der Evergreen auch seine sozial-politische Relevanz behält und zeitgemäß bleibt. Deutlich weniger subtil geht es indes beim nuschelnden Nick Tschiller aus Hamburg zu. Til Schweigers Rachefeldzug gegen einen Drogen- und Menschenhändlerring schielt eindeutig Richtung Action-Krawall made in Hollywood. Einen Ausflug in die Leichtspielhäuser straft das Publikum allem Geballer zum Trotz aber mit Nichtachtung ab.

Diese Mischung aus spannenden Fällen, interessanten und komplexen Ermittlern, hochaktuellen Stoffen und technischen Kabinettstückchen dürfte sicherstellen, dass dem „Tatort“ selbst nach 50 Jahren und mehr als 1.000 Folgen noch eine lange Zukunft beschieden sein wird.

Titelbild: WDR

50 Jahre künstlerische Freiheit: Happy Birthday, „Tatort“

Der „Tatort“ feiert sein 50-jähriges Jubiläum – Gründe für eine spektakuläre Erfolgsgeschichte Am 29. November 1970 beginnt im deutschen Fernsehen ...
W E I T E R L E S E N

Machen Apps uns gesünder oder gläserner?

Gesundheit ist das Ziel des natürlichen Lebenswillens und deshalb natürliches Ziel von Gesellschaft, Recht und Politik. Ein Mensch, der nicht ...
W E I T E R L E S E N

50 Jahre Beatles-Trennung: Das Vermächtnis der Fab Four

Nach dem Ende der Beatles nutzten die vier Bandmitglieder die neu gewonnene Freiheit, um Solopfade zu beschreiten – mit unterschiedlichen ...
W E I T E R L E S E N

Herbstferien: Grenzenlose Freiheit bei einem romantischen Roadtrip? Das geht auch in Deutschland!

Bald sind Herbstferien. In den vergangenen Jahren zog es zu dieser Zeit so manchen noch einmal mit dem Flieger in ...
W E I T E R L E S E N

Das Sei so Frei Quiz: Ernährungs- und Gesundheitsmythen

Mal ehrlich, es gibt viel Halbwissen da draußen. Gerade, wenn es um die Ernährung oder die Gesundheit geht, kennen viele ...
W E I T E R L E S E N

Zum BuLiga-Start: Eine Verneigung vor dem freien deutschen Sportjournalismus

Wir schreiben das Jahr 1920: Turnen ist die mit Abstand beliebteste Sportart in Deutschland. Der Fußball hingegen, der vor gar nicht ...
W E I T E R L E S E N
 
Sei so frei und teile dies auf ...

0 Kommentare zu “50 Jahre künstlerische Freiheit: Happy Birthday, „Tatort“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.