09.11.1989: So fiel die Mauer durch einen der schönsten Fehler der Geschichte

Ein zweigeteiltes Berlin. Eine Pressekonferenz. Ein Fehler. Am Abend des 9. November 1989 geschah unerwartet das Unfassbare: die deutsch-deutsche Grenze – und mit ihr die unmenschliche Mauer, die beide Staaten teilte – bekam große Risse. Befreit strömten innerhalb weniger Stunden viele tausend Ost-Berliner in den Westteil ihrer Stadt. Noch Ende Januar 1989 hatte der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker in einer Rede „Die Mauer […] wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen […]“, vom Rednerpult geschmettert. Wohl niemand hatte damals geglaubt, wie schnell seine Worte widerlegt werden würden.

Der Satz, der den Durchbruch bedeutet

Seit dem Morgen hält die Einheitspartei SED am 9. November 1989 eine Sitzung ab, um die problematische Lage in ihrem Staat zu erörtern. Ein erstes Ergebnis der Tagung, das auch eine Übergangsregelung zur Ausreise vorsieht, gibt die Führungsspitze am Abend in einer internationalen Pressekonferenz bekannt, die live in der gesamten DDR übertragen wird. Erst kurz vor deren Schluss stellt der italienische Journalist Riccardo Ehrmann eine Frage zum neuen Reisegesetz. Günter Schabowski, SED-Sekretär für Informationswesen und Leiter der Pressekonferenz, antwortet zunächst etwas verworren. Dann zieht er einen Zettel hervor, der ihm zuvor vom Honecker-Nachfolger Egon Krenz zugesteckt worden war, und liest ab.

TV-Tipp

Zum dreißigsten Jahrestag des Mauerfalls zeigt tagesschau24 heute, am 09.11.2019, alle Original-Sendungen aus Ost und West zur gleichen Zeit, wie sie damals ausgestrahlt wurden.

Ein einzigartiges Fernsehexperiment an diesem denkwürdigen Tag der Freiheit.

Mit unbewegter Miene spricht er den Satz, der alles verändern sollte: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Unruhe im Team der Journalisten, Nachfragen werden laut, ab wann dies in Kraft tritt. „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort … unverzüglich.“ Einer der schönsten gestammelten Sätze, den die Deutschen auf beiden Seiten je gehört haben. Und einer der schönsten Fehler der Geschichte. Denn eigentlich war diese Mitteilung mit einer Sperrfrist belegt, sollte erst am nächsten Tag öffentlich gemacht werden.

Wer die Pressekonferenz daheim verfolgt, traut seinen Ohren kaum. Grenzbeamte sind verunsichert, erste Menschentrauben bilden sich vor den Grenzübergängen in Berlin. Dort herrscht in den nächsten Stunden große Verwirrung, doch schließlich wird dem Druck der Bürger nachgegeben. Der Knoten platzt, die Zeitzeugen begreifen: Wir sind frei! In Massen treten die Menschen über die Grenze, liegen sich Ost- und Westberliner in den Armen, tanzen und singen auf der Mauer. Trabis fahren gen Westen, auf dem Ku‘damm findet die Feier des Jahrhunderts statt – mitten in einer kalten Donnerstagnacht im November. Ein Freudentaumel, ein Jubelschrei schallt durch Berlin, durchs Land und um die Welt. Es sind die Rufe der Freiheit.

Titelbild: Grenzübergang Bornholmer Straße/Berlin in der Nacht des 09.11.1989, Copyright: imago

 

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