Das Wochenende vor dem Mauerfall – Diese Demos brachten die Wende

Bis heute wird im kollektiven Gedächtnis ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Einheit von den Ereignissen am 9. November 1989 überstrahlt: das Wochenende vor dem Mauerfall. Vom 4. bis 6. November wurden die Weichen gestellt, die sehr bald den Weg in die Freiheit ebnen sollten. Wichtigstes Ereignis: die Alexanderplatz-Demo für Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit am 4. November in Berlin. Der kilometerlange Demonstrationszug, an dem etwa 500.000 Menschen teilnahmen, war zuvor gar genehmigt worden – und so die erste freie Großdemonstration in der Geschichte des Landes.

Selbst der Staat demonstrierte mit

Am Abend zuvor hatte der erst seit wenigen Wochen amtierende SED-Generalsekretär Egon Krenz in einer Fernsehansprache mit den Worten „Ein Zurück gibt es nicht“ den Erneuerungswillen der SED bekundet. Allerdings hatte er gleichzeitig an die Menschen appelliert „zusammenzustehen, um das zu erhalten, was wir in Jahrzehnten an Werten geschaffen haben“.
Künstlerverbände hatten zu der Demo aufgerufen. Selbst staatliche Stellen schlossen sich an, um ihren Reformwillen zu demonstrieren. Sogar die Volkspolizei hatte einer „Sicherheitspartnerschaft“ zugestimmt. Sie sollte im Hintergrund bleiben und möglichst nicht eingreifen. Die Ordnerfunktion wurde stattdessen von den zahlreich anwesenden Ostberliner Künstlern übernommen. Nur für den Fall, dass die Demonstranten versuchen würden, die Mauer zu stürmen, waren von der Polizei Vorkehrungen getroffen worden.

Doch dazu kam es nicht. Denn an diesem Tag ging es den Menschen noch um etwas ganz anderes: sie wollten zwar die Wende, jedoch innerhalb ihres Landes. Sie wollten für eine demokratisierte DDR demonstrieren und waren optimistisch, dieses Ziel auch erreichen zu können. Gute Laune und eine friedliche Aufbruchsstimmung lagen in der Luft. Auf zahlreichen kreativen und oft sehr witzigen Plakaten bekundeten sie ihre Forderungen. Zu lesen war etwa „Glasnost statt Phrasnost“, „Neue Männer braucht das Land“ oder „Reformen, aber unbeKrenzt“. Besonders originelle und mutige Sprüche wurden beklatscht. Nach der Demo versammelten sich die Menschen zu einer dreistündigen Kundgebung auf dem Alexanderplatz.

Dort sprachen zahlreiche Künstler zu den Massen, unter anderen Jan-Josef Liefers und Ulrich Mühe, der die Kundgebung mit den Worten „Es war einfach wunderbar“ eröffnete. Die Schauspielerin Steffie Spira sagte: „Ich wünsche für meine Urenkel, dass sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde und dass keine Blauhemden mit Fackeln an den „hohen Leuten“ vorübergehen.“

Demos live übertragen

Die Parteifunktionäre, die sich trauten, die Bühne zu betreten, wurden dagegen ausgepfiffen, lächerlich gemacht und mit Rufen nach „freien Wahlen“ bedacht. Erstmals sprachen die Bürger der DDR offen, schonungslos und ohne Angst aus, was sie dachten. Und konnten es selbst gar nicht fassen. „Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen“, sagte der Schriftsteller Stefan Heym. Ebenfalls ein Novum: Das DDR-Fernsehen übertrug die Kundgebung live vom Alexanderplatz – ohne vorherige Ankündigung. Im Bericht der Tagesschau am selben Abend hieß es: „Es sieht schlecht aus für den Führungsanspruch der SED, wenn die derzeitige Entwicklung anhält.“ Auch außerhalb der Hauptstadt machten sich die DDR-Bürger Luft: Das ganze Wochenende über fanden weitere Demos in mehr als 40 Städten statt.

Am Sonntag, dem 5. November, trat eine Initiativgruppe mit dem Aufruf zur Gründung einer Grünen Partei an die Öffentlichkeit. Tags darauf wurde dann ein von Egon Krenz angekündigter Reisegesetz-Entwurf veröffentlicht. Darin wurde der Gesamtreisezeitraum jedoch auf 30 Tage pro Jahr beschränkt, außerdem gab es noch immer Gründe, aus denen der Anspruch versagt werden konnte. Dabei hatten die Demonstranten samstags noch „Visafrei bis Hawaii“ gefordert. Bei den Bürgern löste der Entwurf Empörung aus, die Proteste auf den abendlichen Montags-Demonstrationen am 6. November verstärkten sich. Die Demonstranten forderten frei heraus: „Wir brauchen keine Gesetze, die Mauer muss weg.“
Nur 72 Stunden später sollte sich ihr Traum erfüllen …

Titelbild: imago

Deine Bucket List: Warum sich große Ziele lohnen

Spätestens seit dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“ ist die sogenannte Bucket List in aller Munde. In der Komödie ...
W E I T E R L E S E N

09.11.1989: So fiel die Mauer durch einen der schönsten Fehler der Geschichte

Ein zweigeteiltes Berlin. Eine Pressekonferenz. Ein Fehler. Am Abend des 9. November 1989 geschah unerwartet das Unfassbare: die deutsch-deutsche Grenze ...
W E I T E R L E S E N

Das Wochenende vor dem Mauerfall – Diese Demos brachten die Wende

Bis heute wird im kollektiven Gedächtnis ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Einheit von den Ereignissen am 9. November ...
W E I T E R L E S E N

10.000 Schritte pro Tag? Uralte Fake-News!

Seit einigen Jahren schon zählen wir nicht mehr nur Kalorien, sondern auch Schritte – 10.000 sind dabei für die meisten ...
W E I T E R L E S E N
 
Sei so frei und teile dies auf ...

0 Kommentare zu “Das Wochenende vor dem Mauerfall – Diese Demos brachten die Wende

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox fr die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.