Vor 30 Jahren: Das Wunder von Prag – Über die Botschaft in die Freiheit

Für tausende Menschen fiel die Mauer lange vor dem 9. November: „Wir sind heute zu ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“ verkündete Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am Abend des 30. Septembers 1989 vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag. Der Rest seines Satzes, „…möglich geworden ist“, ging im Jubel der DDR-Flüchtlinge unter, die Genscher durch seinen erlösenden Besuch nach tage- und wochenlangen Ausharren in der Botschaft in die Freiheit entließ.

Tag für Tag kamen zu dieser Zeit hunderte Freiheitssuchende in Prag an, warfen ihr Gepäck über den Zaun der Botschaft, widersetzten sich den tschechischen Polizeibeamten, und kletterten über die Absperrungen auf das Gelände des barocken Palais Lobkowicz (siehe Titelfoto – oben in der Mitte ist der Balkon zu erkennen). Auch in Warschau und Budapest waren die bundesrepublikanischen Botschaften überfüllt: Wie in Prag standen in deren Gärten ebenfalls Zelte, wurden die Keller wurden zu Matratzenlagern umfunktioniert. Hoffnung und Mut paarten sich mit Angst und Verzweiflung. Wie würde es weitergehen? Würde man zeitnah und unbeschadet hinauskommen?


Züge mussten über die DDR fahren

Im Rahmen der UN-Vollversammlung in New York war es Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher währenddessen gelungen, vom sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse die Zustimmung zur Ausreise der Flüchtlinge zu bekommen. Doch es gab einen Haken: Die UdSSR wollte die Menschen nicht auf direkten Weg in die BRD ausreisen lassen, sondern setzte durch, dass die Zugstrecke durch die DDR über Dresden bis zum Grenzkontrollpunkt Hof in Bayern führte. So wollte das Regime in Ost-Berlin den Schein wahren, souverän zu handeln, indem sie die Flüchtlinge von der DDR aus ausbürgerte.

Freilich befürchteten diese, auf DDR-Gebiet gestoppt und gegen ihren Willen aus den Zügen geholt zu werden. Genscher bot daraufhin an, jeden Zug von bundesdeutschen Diplomaten begleiten zu lassen – so sollte eine reibungslose Ausreise garantiert werden. So fuhren täglich Züge über DDR-Gebiet Richtung Hof in Bayern. Am vierten Oktober eskalierte die Situation dennoch: Im Osten sprach sich herum, dass die „Züge in die Freiheit“ in Dresden Halt machen. Vor und im Bahnhofsgebäude hatten sich rund 20.000 Menschen versammelt, die mit in die Freiheit fahren oder für Reformen demonstrieren wollten.

Es kam zu heftigen Auseinandersetzungen, als die Polizei die Bürger mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken aufhalten wollte. Die Demonstranten warfen im Gegenzug mit Pflastersteinen und zündeten einen Polizeiwagen an. Insgesamt soll es über 1.800 Verhaftungen gegeben haben. Seitdem wurden die Sonderzüge nicht mehr über Dresden geleitet. Von der erfolgreichen Flucht in die Freiheit über die Prager Botschaft bis zum Mauerfall vergingen knapp sechs Wochen: Ab dem 9. November 1989 konnten alle DDR-Bürger legal ausreisen.

Die deutsche Bundesregierung hat lange versucht, dem tschechischen Staat das Palais Lobkowicz abzukaufen: Dessen historische Bedeutung für das vereinte Deutschland sei immens. Solche Verhandlungen scheiterten bisher. An den 30. September 1989 erinnert eine Bronzetafel an der Balustrade des Balkons, auf dem Genscher einst sprach.

Titelbild: imago

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