Das hat ein kleines Schloss bei Bonn mit dem Fall der Mauer zu tun

Dieses alte Gemäuer hat viele beherbergt: Ritter, Staatsgäste wie Queen Elizabeth II. und nicht zuletzt die Kelly Family – Schloss Gymnich im gleichnamigen Stadtteil von Erftstadt (Titelfoto). Hinter einem Wassergraben gelegen und in der Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut, befindet es sich am Ortsrand des Städtchens mit seinen knapp 5.000 Seelen – Luftlinie rund 30 Kilometer vom Bundeskanzleramt in Bonn und 20 vom Kölner Dom entfernt. Seit 1971 von der Bonner Bundesregierung als Gästehaus angemietet, fand dort im August 1989 ein Geheimtreffen statt, das als eine der Grundlagen für ein freies Leben von vielen Millionen Menschen gilt.

Nur kurz öffnen sich die schweren Tore zum üppig begrünten Park von Schloss Gymnich an diesem 25. August 1989, als einige Staatskarossen auf das Gelände einfahren. Sie befördern unter anderem Miklos Németh, den Ministerpräsidenten der Volksrepublik Ungarn, sowie seinen Außenminister Gyula Horn, die kurz zuvor auf dem Flughafen Köln/Bonn gelandet waren. In den von einem Wassergraben umrahmten repräsentativen Räumlichkeiten werden sie von Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher empfangen. Das Zusammentreffen im kleinstmöglichen Kreis findet unter hoher Geheimhaltung statt.

In diesem Spätsommer 1989 wackelt der Eiserne Vorhang bereits heftig. Erst wenige Tage zuvor, am 19. August 1989, hatten Horn und sein Außenminister-Kollege aus Österreich für wenige Stunden ein Grenztor an der ungarisch-österreichischen Grenze geöffnet. Symbolisch nur, als Einrahmung für ein „Paneuropäisches Picknick“ an der Grenze. Hunderte DDR-Bürger nutzten diese Gelegenheit zur Flucht in die Alpenrepublik. Die ungarischen Grenzsoldaten ignorierte die freudetrunkene Menge einfach, die mit „Frei, endlich frei!“ beherzt hinüber nach Österreich rannte.

Zurück nach Gymnich: Zwischen Rokoko-Elementen und Stofftapeten verkündet Ungarns Regierungschef an diesem Spätsommertag etwas, das dem Bundeskanzler die Tränen in die Augen treibt, wie Kohl später in seinen Memoiren bestätigte. „Eine Abschiebung der Flüchtlinge zurück in die DDR kommt nicht in Frage. Wir öffnen die Grenze. Wenn uns keine militärische oder politische Kraft von außen zu einem anderen Verhalten zwingt, werden wir die Grenze für DDR-Bürger geöffnet halten“, erklärt Németh. Eine Gegenleistung verlange er dafür nicht. „Ungarn verkauft keine Menschen“, wiederholt Németh während des Treffens auf Schloss Gymnich mehrmals. Dennoch möchte Kohl sich nicht zurückhalten und sagt den Ungarn unter anderem einen 500 Millionen D-Mark schweren Kredit zu, über den beide Seitens bereits länger verhandeln.

Trotz aller Freude über den mutigen Schritt Némeths vergewissert sich der Bundeskanzler am nächsten Tag telefonisch beim sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow, ob Ungarns Vorhaben tatsächlich funktionieren würde. Dessen Antwort ist eindeutig: „Die Ungarn sind gute Leute.“

Nur 17 Tage nach dem Geheimtreffen in Gymnich macht Ungarn seine Ankündigung wahr: Am 11. September 1989 gibt die Regierung bekannt, dass DDR-Bürger ohne Einmischung und ganz legal von Ungarn nach Österreich reisen dürften. Bereits in der Nacht zuvor hatte das Land mit der Grenzöffnung begonnen. In den nächsten Wochen wird so zehntausenden DDR-Bürgern die Flucht ermöglicht. Es ist der Anfang vom Ende der DDR, der Startschuss für den Fall der Mauer zwei Monate später.

Titelbild: Revierfoto/imago

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