Sei dein eigener Boss

Sascha Blum (24) gründete 2017 mit 22 Jahren sein eigenes Unternehmen. Heute betreut und konzipiert er millionenschwere Online-Marketing-Kampagnen für namhafte Firmen wie Gedankentanken oder apo-discounter.de. Statt der Sicherheit eines festen Jobs wählte er die Freiheit und Selbstbestimmung. Unser Autor Rene´ Kohlenberg wollte wissen warum.

Es ist ein heißer Mittwochabend im Juli, Köln schmilzt, es sind fast 40 Grad. Ich habe mich mit Sascha um 18 Uhr in einem Café in der Innenstadt verabredet. Um zwei Minuten vor sechs stehe ich davor und gucke mich um. Eine große Drag Queen in einem langen dunklen Kleid, die am Eingang die Gäste empfängt, fragt mit affektierter Stimme, ob sie mir helfen kann. In diesem Moment schreibt Sascha mir eine Whatsapp: „Bin gleich da, sag am Eingang meinen Namen, dann bringen sie dich zu meinem Stammplatz.“ Und so leitet mich die Empfangsdame Catherine zu einem Hochtisch in der Mitte des Außenbereichs. „Ich wusste doch, dass ich dir helfen kann“, sagt sie und lächelt wissend.

Ventilatoren drehen surrend ihre Runden und verteilen das in die Luft gesprühte Wasser über den Köpfen der elegant gekleideten Gäste. Die Möet & Chandon-Flaschen stehen stolz aneinandergereiht hinter der Bar, Kellner in schwarzen Schürzen servieren eisbeschlagene Gläser und weiße Teller mit hübsch drapierten Speisen. Ich hole mein Handy, meinen Block sowie einen Stift heraus und bestelle eine zuckerfreie Cola. Da das Café in einem Innenhof liegt, ist es angenehm ruhig. Die Leute unterhalten sich in gedämpften Ton, genießen eine Zigarre oder Zigarette, dazu die leicht feuchte Luft und das elegante Ambiente – ein bisschen Urlaubsstimmung mitten in der City.

Sascha Blum kommt mit Trolly und Laptoptasche

Am Eingang sehe ich, wie Sascha Catherine am Eingang begrüßt, die ihn schließlich mit dem Arm um seine Schulter zu meinem Tisch begleitet. Er trägt hellbraune Lederslipper, eine weiße Hose und ein schwarzes Hemd. Zudem hat er einen Trolly und eine Laptoptasche dabei. „Ich muss später noch nach Leipzig“, sagt Sascha, der sich bei der Kellnerin einen Ipanema bestellt. Trotz seiner schicken Kleidung wirkt Sascha dank seines kindlichen Gesichts und seiner kleinen Statur sehr jung.

Sascha Blum beim Interview mit „Sei so frei“

Er erzählt, dass er in Leipzig ein Marketing Meetup organisiert und wie es dazu gekommen sei, dass er öfters dort ist. In Köln wohnt der gebürtige Bergheimer im Stadtteil Sülz, wo er sich jedoch kaum aufhält. Eigentlich sei er entweder bei Kunden, oder er arbeite in diesem Café. Ein Freund habe ihn vor rund zwei Jahren das erste Mal dorthin mitgenommen. Sascha mochte den Laden von Anfang und merkte, dass viele Gäste dort Unternehmer sind – der ideale Ort um zu networken. Mittlerweile nennt er ihn sein zweites zu Hause und hat bereits schon einige Aufträge dort gewinnen können.

Sacha wirkt wie der Prototyp eines erfolgreichen Entrepreneurs. Seine Kleidung ist teuer, auf seinem Smartphone sind eine Menge Bilder von Hotelsuiten und extravagantem Essen. Er zeigt gerne seinen Erfolg. Und er hat ihn sich selbst erarbeitet.

Niemand sollte mehr über ihn lachen

„Als Kind war ich ein richtiges Mobbingopfer. Ich hatte eigentlich so gut wie keine Freunde“, erzählt Sascha offen. Er sei immer der Kleinste in der Klasse gewesen. Zudem habe sein Vater sehr viel Wert auf gute Noten gelegt. Für eine Eins minus habe er sich bereits rechtfertigen müssen. „Also saß ich oft stundenlang zu Hause und habe Hausaufgaben gemacht. Das hat mich natürlich von den anderen Kindern entfernt.“ So fasste er bereits mit etwa neun Jahren den Vorsatz: „Ich werde mal etwas machen, das die anderen nie mehr über mich lachen können.“ Nach der Trennung seiner Eltern gingen die Noten in den Keller, doch sein Wunsch, sich selbst zu verwirklichen wuchs. „Ich hatte 10.000 Ideen im Kopf.“

Nach seinem Abi 2013 mit einem unterdurchschnittlichen Notenschnitt von 3,3 ging er zur Bundeswehr. „Mein Vater ist Polizist und meine Eltern meinten, ich solle etwas vernünftiges lernen.“ Er verpflichtete sich als Offiziersanwärter. Doch nach wenigen Monaten merkte Sascha, das Befehle auszuführen nicht sein Ding war und begann ein Maschinenbau-Studium in Köln. Er wechselte nach vier Semestern die Fachrichtung und entschloss sich nach rund drei Jahren, das Studium ganz zu schmeißen.

2017 kam der Durchbruch

Bereits 2014 hatte er damit begonnen, sich für die Werbemöglichkeiten auf Facebook zu interessieren. Neben dem Studium arbeitete er bei der Firma Social Sweethearts und half, die internen Prozesse zu automatisieren. Der Durchbruch kam schließlich 2017. Für einen Freund, der einen Burgerladen betreibt, schaltete er so erfolgreich Facebook-Werbung, dass schließlich einer der Geschäftsführer von Gedankentanken auf ihn zu kam.

Diese Kölner Firma veranstaltet Events, Workshops sowie Seminare zu den Themen Weiterbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Den bislang größten Coup landete Gedankentanken im April 2019, als es den Veranstaltern gelang, den ehemaligen US-Präsident Barack Obama zu einem öffentlichen Gespräch in die Kölner Lanxess Arena einzuladen. Sascha war mit einer Online-Marketing-Kampagne daran beteiligt, rund 15.000 Menschen zu diesem Event zu locken.

Inzwischen gehören sechs Leute zu Saschas Team – darunter zwei Partner, die gleichberechtigt mitentscheiden. „Die Teamarbeit ist wichtig, aber ich will keine Befehle von oben bekommen.“ Als Angestellter sei man nur Teil eines Systems und habe nur begrenzte Umsetzungsmöglichkeiten. „Ich übernehme gerne Verantwortung, so erhält mein Handeln erst einen wirklichen Sinn“, so der 24-Jährige. Als Selbstständiger müsse er vor allem stressresistent, weitsichtig und risikobereit sein. „Ich habe das Firmenkonto schon mal komplett bis auf 20 Euro belastet, aber mir war klar, dass die Investition unseren Erfolg in der Zukunft ausmacht.“

Ein Leben wie im Film

Er könne als Unternehmer das Leben führen, das andere aus Filmen kennen. „Ich habe das Ruder in der Hand und bestimme den Kurs selbst. Klar gibt es mal Sturm, Wellen und Eisberge, die ich umfahren muss, aber im Endeffekt bestimme ich den Weg.“ Er sei froh, dass er sich so entschieden habe, eine Festanstellung komme für ihn heute nicht mehr in Frage.

Es ist mittlerweile kurz nach acht, ich packe meine Sachen zusammen und Sascha blickt auf sein Handy: „Oh, ich bleibe noch etwas. Ich muss wohl doch erst am Samstag nach Leipzig.“ Wir machen noch ein Foto und ich zahle. Catherine kommt an unseren Tisch und Sascha erkundigt sich, wie es den Blumen geht, die er ihr geschenkt hat. Wir plaudern noch etwas über Pflanzen, dann mache ich mich auf den Weg. Die Hitze vor dem Café schlägt mir ins Gesicht, es ist stickig und stinkt nach Abgasen. Ich bin zurück aus dem Urlaub.

Titelbild: stock.adobe.com
Foto Blum: René Kohlenberg

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