Werden wir unmerklich in eine „Glücksdiktatur“ gedrängt?

Soziologen gehen davon aus, dass sich die Menschen auf unterschiedliche Weise beeinflussen oder gar steuern lassen. Beispielsweise durch klare Vorgaben oder Regeln, die konkrete Verhaltensweisen zur Folge haben. Um ein bestimmtes Betragen oder einen speziellen Konsum(-verzicht) zu erreichen, kann ebenso wesentlich subtiler vorgegangen werden. Eine der jüngsten Methoden, das Verhalten unterschwellig zu steuern, heißt Nudge. Der Begriff steht für einen „Stups“, der den Menschen in die gewünschte Richtung bugsiert.

Die Wissenschaftler Richard Thaler und Cass Sunstein haben ihn im Jahr 2008 im Buch „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Duo ging dabei von der Behauptung aus, dass die Leute allein nicht in der Lage seien, für sich gute Entscheidungen zu treffen. Willensschwäche und irrationales Handeln bestimmten das Leben. Also gelte es, den Konsumenten die Wahlfreiheit abzunehmen.

Ende März trafen sich Wissenschaftler, Studenten und Experten auf der #Nudge2019 in Berlin. Veranstalter war die Nudging-Initiative und der Alumniverein der Berliner Charité. Im Rahmen der Kick-off-Veranstaltung wurde in Workshops und Vorträgen darüber gesprochen, inwieweit sich Nudging im Gesundheitswesen einsetzen lässt. Konkret: „Die Gesellschaft zu gesunden Entscheidungen bewegen und Prävention ganz automatisch umsetzen – geht das?“

Müssen Menschen manipuliert werden?

Die Organisatoren gingen offensichtlich davon aus, dass die Allgemeinheit ohne ein Einwirken nicht zu einem gesunden Lebensstil finden kann. Entsprechend müssten die Menschen manipuliert werden – zum Beispiel indem an der Supermarktkasse keine Süßigkeiten, sondern gesunde Produkte platziert werden. Ähnlich funktioniert die sogenannte Lebensmittelampel, die in Kantinen installiert werden kann. Rot warnt vor einem hohen Zucker- oder Fettgehalt. In die Richtung „Abschreckung statt Aufklärung“ zielen die drastischen Bildwarnhinweise auf Zigarettenschachteln.

Viel Mündigkeit bleibt dem Individuum da nicht mehr, weil es nicht nach seinem freien Willen entscheiden kann. Der Mensch wird dirigiert, ohne dass er sich dessen bewusst werden könnte. Es stellt sich die Frage, ob sachliche Informationen – etwa zu gesundheitlichen Risiken verschiedener Genussmittel – nicht die bessere Wahl wären. Mit allen Fakten versehen, könnte der Konsument seine eigenen Entscheidungen treffen – ohne das Opfer einer kaum ersichtlichen Lenkung zu werden. Wer also zu Nudging als Mittel der subtilen Lenkung einsetzt, traut es der Mehrzahl der Leute offenkundig nicht zu, die für sie beste Wahl zu treffen.

Die Nudging-Initiative und der Alumniverein der Berliner Charité verweist übrigens darauf, dass die sanften Schubser allein nicht ausreichen, um für eine gesündere Lebensweise zu motivieren. Flankierend seien Regeln, Gesetze und gar Verbote unerlässlich. Der Staat solle dementsprechend seinen Teil zur Verhaltenssteuerung beitragen. Diese Position teilen indes nicht alle Experten. Eine gegenteilige Ansicht vertritt beispielweise Hanno Beck, Buchautor und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim. Er befürchtete 2017 in einem Interview mit der „Welt“: „Im schlimmsten Fall lauert eine Art Glücksdiktatur, in der der Staat die Menschen durch Manipulation zwangsbeglückt.“

Titelbild: stock.adobe.com

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