Hey Europa – Ich bin dann mal so frei …

Freiheit. Ein Wort, bei dem sofort unser Kopfkino anspringt und wir zu träumen beginnen. Frei zu sein, das ist der Traum vieler. Denn anders als noch unsere Eltern und Großeltern stellen wir heute höhere Ansprüche an das Leben. Den meisten von uns reicht das klassische Modell „Haus bauen, Kind zeugen, Baum pflanzen“ nicht mehr aus. Und die Vorstellung, über Jahrzehnte denselben Job in derselben Firma zu machen, lässt uns nach Luft schnappen.

Zwar gibt es sie noch: Junge Leute, die in dem Dorf, in dem sie selbst aufgewachsen sind, ein Haus bauen und ihre Kinder aufziehen (und wahrscheinlich auch einen Baum pflanzen). Doch vor allem diejenigen, die das elterliche Nest mit knapp 20 Jahren verlassen haben, um zum Studieren in eine größere Stadt zu ziehen, wollen mehr vom Leben. Sich ausprobieren, die eigene Persönlichkeit entdecken, den Horizont erweitern – etwas erleben. Ein Auslandssemester in Lissabon, zum Praktikum nach Barcelona, ein weiteres Praktikum in London und nach drei Jahren Berufserfahrung in Deutschland nochmal für zwei Jahre nach Frankreich. „Das Leben genießen“ steht ganz oben auf unserer To-do-Liste. Der Fokus liegt auf dem Hier und Jetzt. Gefühlt haben wir unbegrenzte Möglichkeiten. Und möchten sie auch nutzen.

Da trifft es sich gut, dass wir in der EU leben. Denn Freiheit spielt als eines der sechs in der Grundrechtecharta der Europäischen Union verankerten Rechte eine große Rolle in der Gemeinschaft. Vor allem die Personenverkehrsfreiheit: Sie gewährleistet, dass wir uns als EU-Bürger innerhalb der Gemeinschaft und darüber hinaus in den Staaten des europäischen Wirtschaftsraumes (Island, Norwegen, Lichtenstein) frei bewegen können. Wir dürfen uns in einem anderen EU-Land eine Beschäftigung zu suchen, dort ohne Erlaubnis arbeiten und Leben. Im Land ihrer Wahl werden EU-Bürger in Bezug auf Beschäftigung, Arbeitsbedingungen sowie allen Sozialleistungen und Steuervorteilen genauso behandelt, wie die Staatsangehörigen des Aufnahmelandes. In bestimmten Berufen können die in einem EU-Land erworbenen Qualifikationen sogar in anderen Ländern anerkannt werden.

Klar, ohne Regeln und eine Menge Papierkram geht das selbst in der EU nicht vonstatten. Nur zwei Beispiele: Wer etwa sein Fahrzeug aus Deutschland mitnehmen möchte, benötigt nach sechs Monaten Aufenthalt eine EG-Übereinstimmungsbescheinigung zu Ummeldung im Gastland. Mit Leasingfahrzeugen wird eine Ummeldung schwer bis unmöglich. Komplizierter wird es bei der Krankenversicherung: hier gibt es jede Menge verschiedene Regulierungen und Ausnahmen.

Doch wer einmal die bürokratischen Hürden überwunden hat, genießt nicht nur die Möglichkeit, sich seinen Lebensmittelpunkt selbst aussuchen zu dürfen, sondern eventuell noch andere Freiheiten seines „neuen“ Landes. Denn trotz der großen Gemeinschaft ticken die Uhren in manchen EU-Ländern noch ganz anders als in Deutschland. Wer etwa in seiner Wahlheimat Schweden wandernd die Natur entdecken möchte, darf nahezu überall sein Zelt aufschlagen, auch auf privaten Grundstücken. „Wildes Campen“ in Deutschland hingegen kann oft problematisch sein. Oder Griechenland: Wer sich dort in einem Restaurant eine Zigarette anzündet, erhält statt einer Menge böser Blicke und Beschimpfungen einen Aschenbecher an den Tisch.

Regeln gibt es eben immer. Aber im Grunde gilt das Wichtigste: Wir EU-Bürger können meist tun und lassen, was wir wollen. Unserer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und selbst, wenn wir keine wirklichen Abenteurer sind: Freiheit ist ein tolles Gefühl. Das Leben ist schon kompliziert und schwer genug. Die Kinder versorgen, 40 Stunden arbeiten, den Haushalt schmeißen, Rechnungen bezahlen, sich um die Altersvorsorge kümmern … die Liste ließe sich ewig fortführen. Doch die Gewissheit, jederzeit die Zelte abbrechen und etwa auf Mallorca ein Café eröffnen zu können, nimmt dem Alltag viel von seiner Schwere. Es tut einfach gut zu wissen, dass es möglich wäre. Dass wir könnten, wenn wir wollten. Denn: Wir sind eigentlich geboren, um frei zu sein.

Foto: stock.adobe.com

 

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