Flexit Brexit – Freiwilliger Freiheitsentzug

Verschoben, aber nicht aufgehoben: Der Brexit wurde zum Flexit. Bis Halloween dürfen die Karten noch mal neu gemischt werden. Großbritannien erhofft sich nach wie vor mehr Unabhängigkeit, doch die negativen Folgen dürften deutlich überwiegen.

Endlich frei, zurück zu einstiger Stärke, kein sauber verdientes Geld mehr an die EU überweisen: Mit solchen Argumenten köderten britische Populisten im Juni 2016 ihre Landsleute im Vorfeld des Referendums zum EU-Austritt. Dass die wenigsten Thesen und Fakten damals etwas mit der Realität zu tun hatten – geschenkt. Die Kampagne verfing: Mit einer hauchdünnen Mehrheit von knapp 52 Prozent votierten Engländer, Waliser, Schotten und Nordiren für den EU-Ausstieg.

Dessen Umsetzung stellt sich ungleich komplizierter dar. Unzählige Mal präsentierte Premierministerin Theresa May ihr mit der EU ausgehandeltes Abkommen im britischen Unterhaus zur Abstimmung. Und rasselte immer wieder durch die Wahlen wie ein Legastheniker durch eine Rechtschreibprüfung. Das vorgesehene Austrittsdatum am 29. März 2019 war so logischerweise nicht zu halten. Am 10. April 2019 gewährte die EU dem früheren Empire eine Fristverlängerung bis maximal zum 31. Oktober dieses Jahres – in der Hoffnung, dass sich das völlig zerstrittene britische Parlament bis zu diesem Zeitpunkt einigen möge. Was nicht wenige Experten für recht zweifelhaft halten.

Doch sollte der Brexit an Halloween oder gar vorher tatsächlich vollzogen werden: Werden die Briten dann wirklich in den Genuss von mehr Unabhängigkeit und Freiheit kommen? Wohl kaum. Denn Finanzfachleute befürchten dramatische Auswirkungen auf die Wirtschaft auf der Insel. Gerade importierte Waren wären wegen Zöllen nur noch zu deutlich höheren Preise zu haben. Was den britischen Kunden im Supermarkt zum Verzicht auf viele Produkte zwingen könnte: Porridge statt Camembert, lauwarmes Ale statt tschechischem Pils sozusagen. Übrigens liegt die Eigenversorgungsquote in Großbritannien gerade mal bei 60 Prozent. Zudem dürften beispielsweise deutsche Autos für den Normalbürger unerschwinglich werden.

Je nach dem, wie das Austrittsabkommen letztlich ausfällt – selbst ein „harter“ Brexit ohne jegliche Regelungen ist ja noch möglich – könnten die Briten in ihrer derzeitigen Reisefreiheit deutliche Einschränkungen hinnehmen müssen. Im schlimmsten Fall müssen sie für ihren geliebten Mallorca-Urlaub in Zukunft ein Visum beantragen. Noch weitaus schwerwiegender für die persönliche Lebensentwürfe: Die in der EU geltende freie Wahl von Arbeitsplatz und -ort wäre für die Engländer Vergangenheit. Ein lukrativer Job in Italien oder Frankreich ließe sich ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis nicht mehr antreten.

Schon diese wenigen Beispiele verdeutlichen, dass sich der Traum der Brexit-Befürworter von mehr oder besser noch völliger Unabhängigkeit kaum erfüllen wird. Statt einer glanzvollen Rückkehr des Empire drohen vielmehr Einschränkungen und Eingrenzungen in diversen Bereichen. Da kommt die 2016er-Entscheidung für „Leave“ einem freiwilligen Freiheitsentzug gleich. Wenig überraschend: Denn der Gedanke, Grenzen aufzubauen, um mehr Möglichkeiten zu bekommen, ist schlicht ein Widerspruch in sich.

Foto: stock.adobe.com

 

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